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Antonia Riederer

Antonia Riederer hat an der Kunstuniversität Linz bei Eric Ess und Ursula Hübner Malerei studiert. Sie ist stark geprägt von der klassischen Moderne und hat früh ihre Bildthemen entwickelt. Riederers Werke sind immer gegenständlich wenn auch zuweilen stark abstrahiert. Das zeichnerische Element ist in Form kräftiger Konturenführung ebenso präsent wie das malerische. Unverwechselbar sind ihre Farbkompositionen, mittels der sie in Flächen gegliederte Formen räumlich positioniert und für das Auge erstaunliche dreidimensionale Resultate erzielt. Während einzelne Objekte, Figuren und Köpfe für Riederer primär als Form, weniger aufgrund oberflächlicher Details interessant zu sein scheinen, sind vor allem ihre Landschaften starke Stimmungsträger. Auch hier transformiert sie Spezielles in Allgemeines und so zieht sich bei ihr über alle Gattungen eine Anonymisierung der Welt, aus der ein Anspruch auf Allgemeingültigkeit und Dauerhaftigkeit spricht.

Geordnete Spannungen 

Ihre Köpfe sind selten Porträts, ihre Figuren keine konkreten Personen, ihre Landschaften meist erdacht und ihre Stillleben zeigen Objekte aber nie Produkte. Die Bildtitel, die erzählen könnten, tun es nicht. Warum auch. Landschaft – Stillleben – Kopf – Figur, das genügt. Hier einmal „Baumkonstruktion“, da eine „Stehende“, dort eine „Sitzende“ und vielleicht „Drei Gefäße“. Viel mehr an Information wird der Betrachter nicht erhalten. Warum auch, Antonia Riederer ist Malerin. Und im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen Künstlern eine, die das Bild an sich und damit die Gattung Malerei als vollkommen eigenständig betrachtet. Für sie braucht es nicht den genialen Einfall, die gesellschaftsverändernde Idee, kein Infragestellen, kein Ausborgen von Bedeutung, keine Demonstration von Bildung. Riederer ist Malerin, keine Behauptungskünstlerin, und es liegt in ihrem Selbstverständnis, dass das im heutigen Kunstdiskurs oftmals verachtete Handwerk die Voraussetzung für ihr Werk darstellt. Bestimmte Bildkonstruktionen und Farbbezüge sind selten erdacht, sie entstehen im Malen selbst und das technische Können öffnet ihr den Anfang. Das, was so locker hingeworfen scheint, ist das Resultat einer klassischen Ausbildung und jahrelangen Auseinandersetzung. Locker, ja, aber nichts ist zufällig in diesen Bildern, geschweige denn unfertig. Nicht das Skizzenhafte hier, nicht das türkise Dreieck dort, und wer ahnt schon die Überwindung, die es Riederer laut eigenem Bekunden kostete, die Objekte ihres jüngsten Stilllebens auf rosa Grund zu setzen? Letztlich sind Mittel und Motive so stimmig miteinander verbunden, dass die Frage nach dem Handwerk in den Hintergrund tritt und sich für den Betrachter nicht wirklich stellt. Harmlos mag mancher die Bildinhalte nennen (ach, eine Schüssel), doch Riederers Bilder wollen nicht aufrühren, kein Wissen vermitteln und das Schöne ist, sie setzen auch keines voraus. Ein paar Grundlagen der Kunstgeschichte vielleicht, Picasso, Matisse, Modigliani, Beckmann, auch Malevich und Mondrian, damit tut man sich leichter, aber viel nötiger als diese ohnehin im kollektiven Bildgedächtnis gespeicherte Kenntnis ist etwas anderes und das ist mehr als man oft glaubt ¬– die Bereitschaft, die Bilder zu betrachten. Den Linien zu folgen, den Raum wahrzunehmen, sich dann vielleicht zu fragen wo die  Schatten geblieben sein mögen und wie eine Spannung zwischen Objekten zustande kommt, die hintereinander stehen. Der eine Kopf, ein wenig anders als die anderen, was macht ihn aus? Seine leichte Neigung, wie lebendig? Diese Stillleben, kann man sie gedanklich erfassen, in den Griff bekommen? Mal rückt hier eine Ecke hervor, mal tut sich da ein Hohlraum auf - sollten Stillleben nicht eigentlich still sein? 

Riederer sagt, auf der Leinwand, da müsse alles stimmen. Wenn schon Chaos außen rum, dann solle wenigstens hier eine gewisse Ordnung herrschen. Sie brauche diesen Halt der Konturen. Doch sind es nicht nur Konturen und Farbflächen, die stimmen müssen, es braucht auch eine Ordnung der Gedanken, eine Reduktion der Wahrnehmung, die dem Betrachter ebenso abverlangt wird. Er muss sich konzentrieren, sein Sehen und seine Empfindung ernst nehmen, was erst in einem Innehalten gelingen kann, denn er steht nun mal nicht vor Bildern, die sich erzählen lassen. Antonia Riederer sagt, sie wolle nicht tagesaktuell sein, keine Kunst machen, die zwar eine Zeitaussage habe aber in zehn Jahren niemanden mehr interessiere. Stattdessen macht sie das, was sie selbst interessiert und setzt einer Zapping-Gesellschaft anonymisierte Landschaften, Köpfe und Gefäße vor. Auch eine Aussage.

Marlene Gölz, Kunsthistorikerin (Mai 2015)

 

„Genauigkeit ist nicht Wahrheit“

In der Betrachtung eines Bildes von Rubens versunken, entstand vor Jahren in Brüssel ein Gespräch, mit dem ehemaligen Rektor der Linzer Kunstuniversität Hannes Haybäck, über grundsätzliche Möglichkeiten als Maler zu einem wahrhaftigen Bild zu gelangen. Das Bild, es stellte einen Stall mit Tieren dar, war scheinbar vor der Realität gemalt, jedoch stimmte das nicht ganz. Rubens hat seine Bilder offensichtlich imaginiert, mit dem ganzen Werkstattwissen der damaligen Tradition. Das Bild ist vom formalen Standpunkt unglaublich gebaut, konstruiert. Es ist überliefert, dass Rubens erst, wenn bestimmte Stellen nicht funktionierten, dafür Naturstudien anfertigte um das gestalterische Problem zu lösen.
An der Linzer Kunstuniversität war es üblich vom Naturstudium auszugehen um bildnerische Einsicht in formale Zusammenhänge in der Fläche zu gewinnen. Um zu einem formalen Verständnis von Bild zu kommen, musste der Naturalismus überwunden werden, und da waren die ganzen Probleme und Missverständnisse des Studiums enthalten. Wir überlegten, ob aus der Zeit heraus, für die Studierenden es nicht einfacher wäre, nicht von der Natur, sondern von den Grundelementen der Gestaltung, wie Punkt Linie, Fläche, Farbe, Geometrie, Proportion usw., den Ausgang der Lehre zu nehmen; nach damaligen Verständnis, sich auf das Moderne, Ungegenständliche zu beziehen. Aber auch, wenn man hier den Ausgangspunkt setze, war in diesem Fall die Gefahr, in einem oberflächlichen abstrakten Dekor zu landen, wovor Kandinsky die russischen Suprematisten gewarnt hat. Egal wo der Beginn gesetzt wird, die Wahrhaftigkeit, Weltgehalt in Bild zu verwandeln, verlangt eine persönliche Einsicht, wie die Natur, die Welt in der wir uns befinden und das Abstrakte, die gestalterischen Mittel, sich ineinander verschränken um als Weltgehalt Bild zu werden. Das ist ein altes großes Thema in der Malerei, die große Form.
Um dieses Thema kommt, wie die wichtigen Werke der Malerei zeigen, kein bildender Künstler, Künstlerin, herum. Antonia Riederer hat nach intensivem Naturstudium diese ganze Problematik erkannt. Die Künstlerin ist in diesem Sinne in jedem Werk mit dem Ursprung des Werkes konfrontiert und stellt sich ihm auf ihre Weise. Henry Matisse meinte einmal in einem Radiointerview, Genauigkeit ist nicht Wahrheit, und diese Wahrheit im Bildwerk ist es, was das Wollen dieser Künstlerin antreibt. Sie hat sich vom optischen Eindruck der Welt, dem Geschehen auf der Fläche zugewandt. Riederer arbeitet mit großen Farbflächen, großzügiger Figuration, bindet wie Beckmann das Schwarz als Farbe ein und ringt um den großen Wurf. Dabei ist ihr klar, dass jede Kreation mit ihrer Realität zu tun hat, der Inneren wie Äußeren. Die Arbeiten, welche so leicht daherkommen sind zum Teil schwer erarbeitet, vorbereitet.
Ganz im klassischen Sinne, durch Studien aufbereitet. Und doch, in letzter Konsequenz, sind es, auch vor der Natur, imaginierte Welten, entstanden aus einem aufmerksamen Blick auf die Welt, ihrer Schönheit, Hässlichkeit, Zerrissenheit, auch des Menschen. Antonia Riederer ist eingebettet in ihr soziales Umfeld, Familie, Kinder und Landschaft, und bezieht daraus ihre Einsichten für ihre Malerei. Diese, leicht missverständliche Abwesenheit der großen Welt, der Stadt, ermöglicht ihr eine besondere Konzentration auf ihre Kunst. Großes, Interessantes geschieht selten in den wichtigen Zentren, wie die Philosophie, Wissenschaft oder die Kunst uns lehrt, dort wird sie Gesellschaftlich verarbeitet.
Spannend in dem Werk von Antonia Riederer ist für mich auch dieses Menschenbild an dem sie künstlerisch arbeitet. Es verlangt Mut, sich dabei nicht auf heute gängige Hilfsmittel wie Film, Foto zu verlassen, sondern, auch wenn es vordergründig nicht diesen Eindruck erweckt, ganz banal vom Akt, von der Figur her die Bilder zu entwickeln. Dasselbe gilt für die Landschaften, Stillleben. Die Malerin ist sich der Kraft der Farbe, der Fläche, des Hell-Dunkel und der Linie bewusst und es genügt ihr als Werkzeug, auch wenn die Malerei immer wieder totgesagt, oder verdrängt wird. „Mit Hilfe der Malerei wird das mir Wesentliche sichtbar gemacht,“ sagt sie selbst und weiter: „Das Gesehene oder Erdachte wird durch die Abstraktion ins Bildhafte transportiert. Somit wird der Gegenstand nicht verdrängt – er wird verwandelt. Es entwickelt sich eine eigene Formensprache, die meiner Sichtweise entspricht.“
Was Antonia Riederer hier beschreibt, ist der Wille, im klassischen Sinne, als heutiger Mensch, als zeitgenössische Künstlerin ein Bild von Welt zu finden.
Wir besitzen in diesem Sinne nie die Kunst, auch nicht die Alte, sondern jede Generation muss dieses innere Bild von Welt neu erzeugen. Diese andere Art von Wahrheit, welche Matisse meint, taucht in ihren Werken auf und damit arbeitet die Malerin auf ihre Weise genau daran, am zeitgenössischen Bild der Welt.

Robert Trsek

 

Gedanken zur Eröffnung der Ausstellung „Transformation in Farbe“

14. Februar 2017, Linz AG Kunstforum

Was sehen Sie in den Bildern von Antonia Riederer – was fällt Ihnen zuallererst auf? Sehen Sie zuerst den sehr kräftigen schwarzen Trennstrich, mit dem die Künstlerin die Farbflächen voneinander fern hält oder sehen Sie zuerst diese Farbflächen in Beziehung zueinander gesetzt? Riederer spielt in jedem Fall direkt mit unserer erlernten Blickrichtung, und erzeugt gleichzeitig ein sehr harmonisches, ausgeglichenes Bild - das eine ist ohne das andere nicht möglich, der eine Zustand würde ohne den anderen nicht existieren, nicht sichtbar sein. Mir ist, als ich die Bilder zuerst gesehen habe, diese sehr bestimmende Pinselführung aufgefallen, dieser schwarze, kräftige Strich. Ein sehr entschlossener Strich – und, das bestätigt die Künstlerin auch im Gespräch, hier wird auch ein Mut sichtbar, das zu dürfen, was man da tut. Eine Freiheit, zu malen, was sie will, keinem Klischee zu entsprechen und sich keine Gedanken zu machen, ob die Art, wie sie malt, nun der Zeit oder gängigen Attributen entspricht. Antonia Riederer malt sehr körperlich, sie gibt ihren Farbflächen Kontur, gibt ihnen eine Linie, um zu bestimmen, was in den Bildern notwendig ist, wovon es gilt, die Farbflächen in den Bildern und auch sich selbst möglicherweise abzugrenzen. Mit diesen Abgrenzungen schafft sie allerdings auch etwas Verbindendes zwischen den Farbflächen. Übergangsräume, von einem Zustand zum anderen – hier spielt sich unglaublich viel ab - und genauso, für mein Empfinden, ist es mit diesen dicken, schwarzen Linien. Vielleicht auch im Bewusstsein über diese Aufgeladenheit transitorischer Räume sucht Antonia Riederer ein Ordnungssystem in ihrer Malerei zu etablieren. Riederer nimmt Bezug auf ihren unmittelbaren Lebensumraum, der durch unterschiedliche Gegebenheit sehr lebendig ist, sehr vielschichtig und vieldeutig ist. Die Sehnsucht nach Ordnung drängt sich da geradezu auf, den „Kopf frei kriegen,“ einen Überblick schaffen. Johann Wolfgang von Goethe hat sich ja auch als Naturwissenschafter hervorgetan, und hat unter anderem eine eigene Farbenlehre entworfen. Dabei ging es ihm auch um Ordnung, „Wir sind genötigt zu sondern, zu unterscheiden und wieder zusammenzustellen, wodurch zuletzt eine Ordnung entsteht, die sich mit mehr oder weniger Zufriedenheit überblicken lässt.“ schreibt er, und spricht von Urphänomenen, mit denen er  - verkürzt ausgedrückt - nichts anderes meint als alles Lebendige in seiner Umgebung, Durch die Wahrnehmung und Gestaltung dieser Urphänomene sucht er Erkenntnisgewinn, nachvollziehbar für uns alle denke ich – wahrnehmen, ordnen, gestalten, verarbeiten, neu betrachten – Antonia Riederer fügt dem noch einen anderen Begriff hinzu – sie spricht von Filtern – Einflüsse, meint sie, müssen gefiltert und damit reduziert werden, auch das ist den Bildern anzusehen - das gelungene Bemühen, das Gesehene, die Welt also in den Arbeiten klar und strukturiert neu zu formulieren. (Das tut sie im Übrigen auch dort, wo keine Farbe in den Bildern zu sehen ist, die nach Ordnung ruft: Auch in den Arbeiten, auf denen Köpfe in schwarz weiß zu entdecken sind, geht es um eine neue Formfindung, ein neues Kontextualisieren, um Klarheit –der Kopf ist das am meisten präsente Körperteil, fast immer nackt sozusagen und meistens exponiert, ist somit unser öffentlichstes Teil – Antonia Riederer löst diesen Körperteil los vom Rest des Körpers und setzt ihn in einen neuen Kontext, wenn man so möchte wiederum eine Abgrenzung, eine Distanzfindung, die einen breiteren Überblick ermöglicht.)

Antonia Riederer ist eine sehr leidenschaftliche Malerin, eine überzeugte Malerin, der, so sagt sie ganz bewusst, die Malerei als Technik ausreicht. Und diese Überzeugung, die Passion, diese Entschlossenheit ist in ihren Bildern nachvollziehbar.

Mag.a Wiltrud Katherina Hackl